Der Sturm
raubte unsere Sinne,
wütende Winde
Der Sturm
raubte unsere Sinne,
wütende Winde
Kristalle auf meinen müden Augen.
Feine, kleine Steine in Stoff gewickelt kühlen meine
Lider.
Deine Hände gleiten über mich wie die Schwingen eines
magischen Vogels.
Alle Anspannung fällt von mir ab,
weicht aus mir.
Frühjahrssonne umhüllt meinen matten Körper.
Wie viele Jahre sind noch in mir?
Wie viel Kraft, den Weg zu finden?
Habe ich den Menschen, die ich liebe, mein Bestes gegeben?
Die Seele, gefangenen in einem langen Winter,
erwacht.
Violettblaues Licht strömt durch die dunklen Weiten meines Hirns und breitet sich aus
einige Minuten lang in nie erfahrener Intensität.
Wie ein kaltes, klares, warmes Nordlicht wandert es durch meinen Geist.
Etwas kommt. Es wird gut.
Die schmutzige Klaue
endlosen Verlangens
umklammerte mein Herz
und
anderes.
Ich habe die Finger auseinandergebrochen
gegen meinen eigenen Willen,
aber ich obsiegte und
sie hat sich gelöst
fällt nun zurück, woher sie kam.
Frische Morgenluft
streicht über mein Gesicht
und ich weiß, es war gut,
den Deal nicht anzunehmen.
See you next time at the crossroads.
Mein Körper, meine Beine, mein Kopf,
befreit von deinem Verlangen.
Es kribbelt, es lebt, es atmet,
Zellen organisieren sich neu, richten sich aus auf eine
Zukunft
ohne dich.
Dann ziehen sie sich zusammen, schmerzen vor Sehnsucht,
krümmen sich in Wut und
Begierde.
Ein Giftgeschmack im Mund, ich speie dich aus.
Ein Stechen im Rücken, wo ist deine Hand?
Ich könnte anrufen.
Sagen, ich schaffe es nicht.
Aber ich will es allein schaffen.
Kalter Entzug.
Keine Hilfe.
Geh.
Für immer.
Wie kann das sein,
dass ich dich nun seit Tagen, die sich anfühlen wie Jahre,
nicht mehr gesehen,
gehört, gerochen, gefühlt, geschmeckt
habe,
du stärker in mir bist, denn je zuvor?
Wie kann das nur sein?
Ich hoffe, du hast einen Neuen und bist bald schwanger und lebst
dieses verdammte Leben, das
du dir so wünschst.
Ich saß im gleißenden Sonnenlicht
mit einer Gruppe junger Frauen,
eine davon
eine Person, die ich sehr liebte,
sie war fröhlich, etwas untersetzt, mit großen Brüsten und
einem Lachen und einer derart gesunden Lebenszugewandtheit,
einer Frechheit, einer Selbstsicherheit und Stärke,
dass jeder, der sie sah, sich sofort in sie verliebte,
die mich aber nicht wollte
auf einer Dachterrasse hoch über einer Stadt
irgendwo im Norden, die aber dennoch hell und warm
war.
Die Farben waren grau, blau, golden und betonfarben, da
neben uns ein Hochhaus mit Balkonen war, das die Dachterrasse
des Hochhauses, auf dem wir saßen, bei weitem überragte.
Wir scherzten, ich hatte einen breitkrempigen
Hut auf, alle schauten zu mir,
auch die Frau, die ich so liebte, die mich aber nicht zurück liebte,
außer diesmal, diesmal liebte sie mich, vielleicht später.
Mit einem Mal schwebte ein Gespann weißer, großer Schwäne
in Geschirren, ähnlich einem Rentiergespann
aus der Luft vor der Hochhausfassade, neben der wir saßen,
hernieder
und ich sah,
dass der Lenker des Gespanns, der ebenfalls Flügel am Rücken hatte und
komische glitzernde Kleider,
die Leitschwänin, die direkt vor ihm schwebte,
von hinten fickte.
Gleichmäßig leidenschaftslos rein und raus glitt in ihre
Schwanenöffnung.
Sie flogen langsam, so dass er nicht aus dem Takt kam.
Es hatte eine Beiläufigkeit und eine Selbstverständlichkeit
und gleichzeitig eine Dreistigkeit, da ja wir hier saßen und das sehen konnten.
Ich machte die anderen darauf aufmerksam, die lachten
und wir lachten,
da lenkte der Schwanenficker sein Schwanengespann aus der Luft in einem Bogen
herunter zu uns. Wutentbrannt.
Landete, stellte sich neben mich, sein Penis
hing immer noch aus der Glitzerhose,
es war ein schrumpeliger, rotes Miniding,
Vogelpenis, sollte es so etwas geben,
er war aufgebracht, aggressiv,
immer wieder hörte ich ihn sagen "Na und?!"
Ich weiß nicht, was er wollte, machte aber einfach einen versöhnlichen Witz
Er packte seinen Vogelpenis wieder an,
im Hintergrund, an der Dachkante, schnatterten die Schwäne,
Ich nahm eine Marlboro aus dem Bigpack und gab eine Runde
Zigaretten aus.
Wir rauchten und lachten und später
flog der Schwanenmann mit seinen Schwänen
davon
und ich landete auf einer Party,
wo in einem dunklen Gang,
in dem eine Couch stand, wo Leute saßen, warteten, rauchten, tranken,
das kleine, kräftige Mädchen mit den großen Brüsten
doch noch begann
mich heiß und innig zu lieben.
Die Sonne,
die vielen Menschen auf der breiten Wiese,
lass uns weg bleiben vom Kinderspielplatz.
Mein unangenehmes Grinsen, die schlechten Witze zwischendurch.
Moment, kann ich das nochmal ändern?
Nein, jetzt ist es zu spät.
Bist du einigermaßen glücklich ohne mich, ist das ein lebenswertes Leben? Ja.
Deine Tränen, dein Klammern, das Drama, inmitten der Tausenden Menschen auf der Wiese.
Hoffentlich sieht das keiner.
2 Menschen, die sich unangenehm lange anschweigen,
du gehst zu Deinem Fahrrad am gelben Fahrradständer,
ich werfe unsere beiden Kaffeepappbecher in den Mülleimer, darin noch die leere Erdnusstüte.
Von den Nüssen hab ich viel mehr gegessen, als Du.
Wir leben 2 verschiedene Leben.
Dir sind die Eltern der Freunde deiner Kinder wichtig, wenn Du wüsstest.
Wenn du wüsstest, dass ich mich nach einem Kontakt zu diesen Eltern sehne
aber meine Frau blockt das, weil sie einen einsamen seltsamen Verweigerungs-
Angstfilm fährt.
Halb Vier, gleich hab' ich noch ein Teams Call.
Im Büro riecht es nach Rauch und Sex.
Obwohl die Fenster schon so lange offen stehen, ich weiß nicht, was ich tun soll,
ob ich nicht die Chance auf ein viel besseres Leben verpasse.
Du bist so klug und so schön und wir können Stunden reden, immer noch,
nackt traumwandeln wir, unsere Seelen sind sich ähnlich und völlig verschieden,
du kannst mir viel zeigen, bist selbständig,
eine ganze Welt, es gibt immer einen Weg, brichst einfach ein in deine Wohnung, mitten in der Nacht,
gehst einfach in dieses fremde weiße Gebäude, fragst nach Klos und alle helfen dir
Ich will eine Frau, die mich aus der tiefsten Hölle im
entferntesten Winkel der Welt zieht.
"Du sagst, ich will gut sein, aber du bist es nicht"
Und es stimmt. Ich bin es nicht.
Ich will gut sein.
Ich will es wirklich sein.
Will niemanden verletzen,
und meinen eigenen Weg.
Können wir nicht einen Plan machen? Es gibt keinen Plan für Liebe und große Gefühle, man kann da nichts mit Vernunft steuern.
Ich sehe in der grellen Mittagssonne das eine ganz und gar weiße Haar
in deinem dunklen Schopf und ich weiß:
ich bin es, der dich gehen lassen muss.
Oder ich ändere etwas.
Was will ich?!
Du stehst draußen vor dem alten Mehrfamilienhaus
in Deinem alten, langen, blauen Parka,
den Handschuhen, Schal, Kapuze,
Deine/Meine Kinder rechts und links im Arm
Die Sonne knallt auf den Trubel und das bunte
Durcheinander eines Samstags,
mitten im Lockdown
Rauchfahne, aus Schornsteinen schnurren lustig in den Himmel
Autos spiegeln sich in Schaufenstern
Sprachen aller Nationen
aus aller Welt
auf dem Trottoir
Deine/meine Söhne neben dir
du ziehst sie zu Dir und
strahlst mich an
bereit für das Foto, das den einen Moment zeigt,
der zählt inmitten all
der Momente,
in denen nur gestritten wird und gekämpft und geschimpft,
in denen wir uns fremd sind.
I' m still in love with you.
Ich sehne mich nach dir,
will meinen Kopf auf deinen warmen Bauch legen,
deine Hand führt meine Hand auf deine Brüste und ich spüre, wie diese
sich hin zu mir wölben,
so wie dein klug pochendes
Herz.
Ich strecke mich, ich darf,
deine feine Stimme flüstert mich in
die sibirische Schneenacht,
wo wir an einem Feuer liegen,
während es draußen schneit
(hier regnet es immerfort)
und unsere nackten, warmen Körper sich
ineinanderkeilen,
eine Jahreszeit lang,
ohne je zu ermüden.
Ich sehne mich nach dir, nach deinem Trost und deiner
Zuversicht, wenn alles verloren ist,
und alle anderen nur klagen,
nach deiner Klugheit, die umherschweift wie ein Polarfuchs
in einer stillen weißen Stadt,
nach deiner
Schönheit, die leuchtet,
unter mehreren
Lagen Parkas,
damit du nicht frierst, wenn du durch die Stadt braust und die Menschheit
versorgst mit
dem, was sie entbehrt in diesen Zeiten und jenen davor, sowie den kommenden,
Liebe.
Sie nahm meine Hand, sah mir in die
Augen und sagte
"Meine Oma blutet, es hört nicht auf."
Seit Tagen verlor sie Blut.
Krebs im Endstadium.
Tumore im ganzen Körper.
Die letzten Tage hatte die Oma stark an Gewicht verloren.
Es war auch schön, weil sie wieder aufstehen und
umherlaufen konnte, sagte sie.
Sie war hell und klar,
- ist hell und klar.
Ich hätte sie gerne einmal getroffen.
Würde sie gern einmal treffen.
Auch wenn sie mich nicht verstehen könnte.
Ihre Enkelin und ich kannten uns schon so lange, aber ich hatte die wichtigste Person
in ihrem Leben
nie getroffen.
Die Oma hatte sie aufgezogen, als ihre Mutter wegen
psychischer Krankheit ausfiel.
Die Oma hatte sie in einem anderen Land beschützt, versorgt,
ernährt, getröstet, gelehrt, ausgeschimpft und immer geliebt.
"Es hat keinen Sinn, sie wieder ins Krankenhaus zu bringen"
sie drückte meine Hand und sah mir fest in die Augen,
"sie ist 84".
Die Oma verblutet langsam.
Aller Lebenssaft läuft aus ihr heraus.
In einem Hochhaus am Rande der Stadt, nicht weit vom Fluss, im 10 Stock.
Ihr dementer Mann neben ihr und eine fremde Pflegerin,
mit der sie nicht sonderlich gut auskommt, deren Sprache, sie aber immerhin
versteht.
Draußen Regen, Lockdown, die Stimmen deutscher Menschen, deren Sprachen nie lernte.
Der wichtigste Mensch in deinem Leben.
Welche deiner Geburtstage erinnerst du?
Wenige.
Den mit den anderen Grundschulkindern, damals in der Ghettosiedlung,
als alle neidisch waren, dass meine Eltern eine schöne, helle
Wohnung mit Büchern hatten. Dass der Ton freundlich war und niemand sturzbetrunken
und gewalttätig. Man stellt mich in die Mitte zu einem Foto und man konnte sehen,
dass ich stolz war. Aus mir könnte was werden. Niemand mochte mich, aber es fühlte sich
trotzdem gut an.
10 Jahre später im Einfamilienhaus im Akademikerghetto mit den Kindern aus der
Nachbarschaft, als ich versuchte, Sketche aufführte mit den anderen, aber niemand
mochte mein Spiel und meine Idee und meine Elterns schämten sich für mich und
wollten, dass ich aufhöre.
Das war übel, aber sofort haben wir etwas anderes gespielt, mit Fangen, Waffen und
Süßigkeiten, das war dann
weniger unangenehm für alle.
Mit 28 draußen im Winter, zu Gast in der Stadt, in der ich
die meiste Zeit meines Lebens verbrachte.
Es war kalt und es fiel Schnee. Mein Sänger und mein Schlagzeuger
waren bei mir, ich hatte keine Bleibe, wusste nicht, wo
ich übernachten würde aber das kümmerte mich
nicht und wir gingen in einen Club und schauten uns den Auftritt einer britischen
Punkband von 1977 an.
Ich zahlte den Eintritt für uns drei. Keine Geschenke.
Dann in der Altbauwohnung mit den hohen Decken, einige Größen aus der
TV-Branche waren da und meine Brüder so irre neidisch, aber dennoch alle sehr betrunken
und ausgelassen und bereit, Grenzen zu überschreiten,
ich tanzte irgendwann zu HipHop und das ging gut, besser als zu diesem Rock, der
den ganzen Abend lief.
Und nun, mit 54 in der großzügigen Wohnung am Parkrand,
morgens die ganzen What' s Wappen, die eingehen und immer schreiben alle, ich solle mich
feiern lassen,
was schwierig ist, wenn man niemanden einladen darf und die Familie
einfach nur sehr wenig Lust auf meine Gesellschaft hat.
Der Versuch, die Familie zu einem Spaziergang im Wald zu überreden, klappt,
weil ich das Auto organisiere, das Essen und die Route planen muss.
Aber wir kommen nicht weit, weil jeder etwas anderes machen möchte und
der große Sohn nicht meine "beschissenen Kommentare zur Kack-Geschichte des Ortes"
hören will - herausgeschrieen, vor anderen lächerlichen Wanderern.
Ich geb' auf. Fahre alle wieder nach Hause und tippe das hier.
Allein.
Wie ich sein sollte.
Happy Birthday to me.
Der Morgen küsst mich wach mit Lippen
Von Dir.
Gestern fielen wir übereinander her
in einem Hotel neben der regennassen Autobahn
in Holland.
Wir fanden ein Zimmer, das nicht abgeschlossen war,
deine Brüste lachten rund und voll,
"wie bei Bukowski" sagtest du,
während ich dich von hinten zum
vierten Mal nahm.
Groß rauskommen bei den Medien
war der Plan.
Dann platzten einige Träume,
Eltern starben,
Nerven versagten,
B-Pläne funktionierten nicht,
Freundinnen zogen in den Speckgürtel,
bekamen Kinder.
Du nicht.
Niemand war sensibel und gleichzeitig klug und frei genug
um mit dir mitzuhalten.
Du bliebst allein.
Wohin mit der Zeit?
Pflanzen, Schrebergarten, Ayurveda.
Und dann sah ich dich wieder.
Das Gesicht etwas faltiger, die einzige offene Kasse
des Biosupermarktes.
Präzise und verträumt wie immer,
viel zu gut für diesen Job.
Ich machte einen leicht anzüglichen Witz,
was ich sonst nie mache,
aber
du hast gelacht wie früher
vor 30 Jahren
in dem Hotel an der Autobahn.
Feine Dämmerung senkt sich
auf uns,
den stillen Wald, das ferne Tal.
Zwischen kerzengeraden Fichten
schwebt leiser Nebel.
Wir stehen reglos und ich spüre
deine Hand in meiner.
Innen leuchten unsere
Novemberseelen.
die Kinderstimmen im Park dringen durch das gekippte Fenster
eine davon die eines meiner Kinder,
Sonne, Herbst,
frische Luft, endlich,
Körper, Kopf,
alles fühlt sich schwer an, endlich.
Kaffee, Müsli, Dusche,
Zeit schmilzt auf Nachrichtenseiten,
der Kulturkampf
zwischen Gestern und Morgen wird
morgen entschieden.
Das Gestern wird verlieren.
Und dann das Morgen bekämpfen.
Und wieder verlieren.
Zum Chirurgen,
es könnte Krebs sein, klar.
Die Arzthelferin schrecklich jung mit engen weißen Hosen,
großen Brüsten, Tattoos, benötigt meinen Pass für die Versicherung.
Das Morgen.
Der Arzt geht gebeugt, er müsste längst in Rente sein, keine Ahnung, weshalb er weitermacht.
Er schaut kurz drauf und weiß sofort:
Es muss operiert werden, schnell.
Die Arzthelferin gibt mir den Pass zurück und wünscht mir alles Gute.
Draußen Licht, Laub, Wind.
Ich miete einen E-Roller,
werde angehalten von einer freundlichen Polizistin,
weil ich gegen die Einbahnstraße fahre.
Ich zahle brav, wünsche ihr einen guten Tag.
Fühle mich überlegen.
Mein Geheimnis ist so stark,
nichts könnte mich erschüttern.
Außer vielleicht,
die Kinderstimmen nicht mehr zu hören.
Niemand vermisst mich, während ich das schreibe.
Mein 7jähriger Sohn und ich
fuhren durch den leuchtenden Herbsttag mit den Rädern zurück aus der Stadt
nach Hause.
Durch den weiten, verwilderten Park neben der
Bahnlinie.
Plötzlich bog er ab und ich sah ihn mit seinem langen blonden Haarschopf
den Steilhang neben den Gleisen
hochrasen,
wo dichte Hecken sind und oft seltsame Gestalten herumlungern
und man von unten nicht sehen kann, was vor sich geht.
Ich wendete und folgte ihm.
Fuhr am Hang meinen Reifen kaputt.
Konnte nicht weiter.
Ich hörte seine Stimme von weitem:
"Kommst du, Papa?!"
"Nein, mein Rad ist kaputt! Wartest du?!"
Keine Antwort.
Ich ging hoch, um zu schauen, wo er steckte.
Weg.
Ich folgte dem Weg, den er nehmen würde.
Nichts zu sehen.
Irgendwo weit hinten ein Junge auf einem Rad, mit Helm. Er näherte sich.
Erleichterung.
Aber es war nicht mein Sohn.
Ich war ratlos.
Er war nicht da.
Eben war er da, wir hatten einen schönen Tag in der Stadt,
er durfte sich etwas Süßes am Kiosk kaufen,
wir suchten ihm eine Lokomotive für die Eisenbahn aus.
Jetzt war er weg.
Nicht da.
Nirgends.
Die weite Ebene wie leergefegt,
gleichgültig von der Herbstsonne beschienen.
Plötzlich der Schock: "Was wenn er mitgenommen wurde?!"
Ich schob mein Rad weiter Richtung Stadt.
Beunruhigt.
Als Kind malte ich mir oft aus, was passieren würde, wenn mich jemand
mitnehmen würde.
Ich dachte mir Szenarien aus, wie ich entkommen würde.
Ich fühlte mich vorbereitet, damals.
Ein Kind kann böse sein und ungehorsam,
aber nicht berechnend.
Es kann die unendliche Bösartigkeit der Erwachsenen nicht ermessen oder erahnen.
Jedenfalls, wenn es behütet aufwächst.
Ich würde für immer,
bis ans Ende meiner Tage
immer gut zu ihm sein.
Ihn gut behandeln.
Ihn niemals allein lassen,
wenn er es nicht wollte.
Niemals schimpfen, Unmögliches fordern.
Ich würde der beste Vater der Welt sein.
Die Familie würde Auseinanderfallen über die Schuldfrage.
"Wieso hast du denn nicht gründlicher gesucht?"
"Wieso bist du nicht gleich zurückgefahren?"
"Wieso muss uns das passieren?"
"Du warst immer schon nachlässig und leichtsinnig!"
Würde ich mich umbringen?
Das würde dem Großen den Rest geben.
Weitermachen mit einem schwarzen Schatten auf der Seele,
bis zum Tod.
Immer das strahlende kleine Gesicht vor Augen, die laute, klare Stimme
im Ohr.
Dann der Anruf:
"Papa? Ich bin schon zu Hause, ich wollte schnell anrufen, damit du dir keine Sorgen machst
und nicht die Polizei rufst!"
Ich schaute auf die sonnige Ebene mit den kleinen Bäumen,
vereinzelte Menschen, einige mit Hund,
Kinder, Erwachsene, Tiere.
Die Erde war ein Paradies.
Draußen ein lang erwartetes Gewitter,
das den Park rund um die Klinik
flutet.
Der Sommer versinkt in breiten Pfützen.
Unterm Vordach vor dem Haupteingang
blasen
Patienten in Bademänteln
Rauch
in die dichten Regenschwaden.
Eine Frau im Rollstuhl spricht mit ihrer Tochter.
Autos zischen vorüber und
das Rauschen der Regenbahnen
übertönt wieder
alles.
Oben im Zimmer liegt ein Mann, der die Diagnose bekommen hat,
die ich hätte bekommen sollen.
Stern für Stern schält sich
aus dem kosmischen Staub
der Ewigkeit
und scheint silbern auf deine
makellos glatten Beine.
In deiner schwarzen Sonnenbrille
spiegelt sich das Mondlicht.
Und dein Lächeln
triumphiert.
kam es aus meinem Mund:
"Ich will mich nicht länger von dir anschreien lassen"
Obwohl:
so laut war sie nicht.
Und ich war,
wie meistens,
auch nicht sonderlich klug.
Dumm, könnte man schon sagen.
Aber so ist es,
manchmal spricht man eine Wahrheit
auch mal
im unpassenden Moment aus.
In meinem Bauch
drückende Schmerzen.
Mehrere Entzündungspunkte.
Morgens,
mittags, manchmal abends.
Es könnte final sein.
Im Frühjahr gab' es eine unklare Prognose.
Dann die OP im Sommer wegen einer Krebsdiagnose,
die sich als falsch herausstellte.
Das könnte jetzt
das sein, was die OP im Sommer
nötig machte.
Es fühlt sich an, als wäre es klug,
irgendetwas zu ändern.
Nachts,
an der Kreuzung
zur Kanalstr.
wartete ich, dass das Grünsignal
kommt.
Es dauerte.
Autos rauschten vorüber.
Ein LKW.
Mehr Autos.
Schattenrisse,
ohne Bedeutung
für mein Leben.
Ich war allein unter den rasch dahinziehenden
Wolken des
Nachthimmels.
Niemand erwartete mich.
Jäh raschelte trockenes Laub über den Asphalt
und starker Wind kam auf.
Blies mir in den Rücken,
zerrte an meiner Herbstjacke,
drängte mich vorwärts.
Dankbar überquerte ich die Straße,
bevor der Winter anbricht.
Deine Stimme voller Zuversicht.
Voller Freude
und Kraft.
Über die Zeremonie deiner Leute draußen im Park, die das
neue Jahr begrüßen
im September.
Die zusammen sind.
In der Fremde.
Auf ewig.
Alle kennen sich.
Halten zusammen.
Wie gut.
Und weil ich das nicht habe,
freut mich deine Freude nicht.
Wie kann das sein?
Hab' ich nicht Dome und Basiliken?
Das ist das Problem: nicht diejenigen fühlen sich ausgestoßen, die fremd sind.
Sondern die, die es nicht sind.
Sie war jung, als ihr berühmter Vater sie sitzen ließ und
ihre berühmte Mutter sie nun allein
erziehen musste.
Einmal ließ die Mutter das 10jährigen Mädchen quer durch
den Central Park nach Hause laufen.
Allein.
Im Winter.
Die Seele des Mädchens bekam Narben und es hungerte nach
Liebe.
Ein zartes, junges Mädchen von 14 oder so.
Blonde Haare, blaue Augen, nicht sehr attraktiv.
Traurig, klein, einsam.
Sie sah ihre berühmte Mutter mit den Männern und den Drogen
und der vielen Arbeit und sie wusste:
sie würde niemals die Nummer 1 sein.
Weitere Narben überzogen ihre Seele.
Aber sie wurde auch hart.
Weil sie wusste: sie gehörte zu den Gewinnern.
Als sie etwa 20 war lernte sie einen jungen Mann kennen.
Er war verloren wie sie.
Aber sehr viel schlimmer.
Seine Mutter hatte sich erhängt.
Seinem Vater war er egal.
Sein Bruder war ein Junkie.
Das Mädchen war sein ein und alles.
Sie verbrachten jede freie Minute miteinander.
Sie liebten sich.
Manchmal spielten sie Rollenspiele
und sie war seine Mutter, die sich erhängt hatte.
Mit dem Unterschied, dass er sie jetzt
ficken konnte.
Beide.
Das Mädchen genoss ihre Macht.
Endlich Macht.
Liebe.
Die Nr. 1.
Aber er war anstrengend und passte nicht zu ihrem
aufwärts strebenden
Lebensweg.
Sie trennte sich von ihm.
Er zerbrach, aber nur beinahe.
Wollte sich umbringen.
Tat es aber nicht.
Sie kehrte nicht zurück zu ihm, obwohl sie vielleicht sogar gewollt hätte.
So viel Macht...
Einige Wochen später versuchte er es wieder.
Am Telefon flehte er sie an, ihn zurück zu nehmen.
Sie tat es nicht.
10 Minuten später hatte er sich erhängt.
Sie war traurig.
Ihre Mutter war ebenfalls traurig,
aber sie konnte nicht richtig zuhören,
sie hatte wenige Minuten zuvor erfahren,
dass man ihr einen wichtigen Preis verleihen würde.
Eines Tages, schwor sich das Mädchen,
würde sie alles aufschreiben oder einen Film darüber machen
und dafür dann
ebenfalls
einen wichtigen Preis bekommen.