Sonntag, 5. April 2015

Die Toten

man sieht keine Leuten mehr sterben.
Der Tod ist verschwunden.

Außer in Krimis. 

Und da gibt es kein 
Leben nach dem Tod.

Nur Leichen in Kühlhallen
und Kommissare, die die in der Vergangenheit der
Toten
wühlen und den 
Wert ihrer Existenz bemessen.

Gott 
musste sterben
für 
Fernsehermittler.







Samstag, 4. April 2015

Fremde Vögel

von unserem Balkon aus
sieht und hört man die 
leuchtend grünen Papageien,
Halsbandsittiche,
in den alten Kastanienbäumen
des Parks.

Der ein oder andere Besucher ließ sich zur 
halb ironischen Bemerkung hinreißen,
dass die größere, dominant auftretende Art fremd wirkt, inmitten der lustigen
Meisen und
Spatzen und
Finken und
Elstern.

Als im Winter
die Halsbandsittiche 
in Nullkommanix die 
Meisenknödel
auf unserem Balkon auffraßen,
und die Meisen öfter mal leer ausgingen,
war ich beunruhigt
wegen meiner 
inneren Haltung zu dieser
Tatsache:
Ich konnte die Papageien nicht mehr leiden.
Die fremden Vögel fressen den einheimischen alles weg

Im Frühjahr landeten immer 
häufiger
hässliche, fette, graue 
Stadttauben
in den Bäumen.

Sie schlüpften sogar in die Astlöcher der putzigen 
Eichhörnchen.

Alle anderen einheimischen Vögel wichen den hässlichen Tauben.
Und die Papageien auch.

Jetzt stehe ich immer wieder auf dem Balkon und 
schlage mit harten Gegenständen an
das Balkongeländer:
"Klong, Klong, Klong!"
und die Tauben - es sind nun schon Hunderte - fliegen dann kurz auf und verschwinden für kurze Zeit.

Aber die ebenmäßig schönen, exotischen Halsbandsittiche kehren nicht mehr
zurück.






Freitag, 3. April 2015

Weißer Reiter mit Bogen

Im Karfreitagsgottesdienst in
St. Michael im
Belgischen Viertel von Köln.

Meine beiden Söhne verstummen, als
der Priester zu einem etwa 50 cm hohen Holzhäuschen geht, das sein Großvater
geschnitzt hat,
das auf mitten in der Kirche ausgebreiteten schwarzen Tüchern steht
und aus dem Häuschen mehrere geschnitzte Modelle holt:
ein Kreuz,
ein Stock mit einem Schwamm,
eine Peitsche,
einen angespitzter Stock,
eine Leiter,
einen Schädel,
den er unters Kreuz legt
(wegen des Ortsnamens)...

Einige Kinder wissen, was mit diesen Dingen gemacht wurden und sagen es nach Aufforderung.

Bevor ich ihn zu Bett bringe, schaut mich mein Dreijähriger aus großen blauen Augen an
und sagt:
"Gemein, was die mit dem Jesus gemacht haben.
Aber der Jesus lebt ja trotzdem weiter auf einer Wolke!"

Circa 7000 Menschen leben in unmittelbarer Nähe der Kirche.
Anwesend waren an diesem Morgen 19 Kinder und zugehörige Eltern,
circa 15 Familien insgesamt.


... es geht los.





Donnerstag, 2. April 2015

Jesus

"Ich will nicht in die Kirche! Scheiß Kirche!"
schrie der Große, acht Jahre alt.
Echte Tränen schossen aus seinen Augen.
"Dann gibt es eben keine Geschenke, kein gutes Essen, nichts.
Wir feiern Ostern doch nicht nur wegen der Geschenke!"
entgegnete ich.

Ich hörte mich an wie...
sicher nicht wie mein Vater, der Gottes Existenz vehement leugnete
und immer nur von der "Kälte des Alls" sprach, wenn er in den Nachthimmel
schaute 
draußen auf der Terrasse seines Hauses, das ihm so viel bedeutete und das er dennoch
verkommen
ließ, 
aus Enttäuschung über den Lauf des 
Irdischen.

Wie...
meine Mutter eigentlich auch nicht. Sie ging zwar gerne in die Dorfkirche,
wollte dort aber in erster Linie von den
Reichen
aus dem Ort gesehen werden und nach Möglichkeit einen ihrer strahlenden Söhne
mit einer von deren Töchtern verkuppeln.
Wenige Pläne gingen schlechter auf als dieser.
Fast tut sie mir leid deswegen.
Fast tue ich mir leid deswegen.
Später wandte sie sich einer eigenen Auslegung des Buddhismus zu:
"Man sollte vor allem das tun, was einem selbst gut tut!"
sprach sie und besuchte ihren jüngsten Enkel nicht ein einziges Mal,
seitdem dieser auf der Welt ist.
Zu anstrengend.

Woher kommt mein zuweilen alberner 
manchmal fast missionarischer Eifer?

"Glaube ist auch genetisch bedingt", hatte ich gelesen und später dann erfahren, 
dass meine norddeutsche Oma in einer stark gläubigen, protestantischen
Gemeinde aktiv war, Pfingstler.

Diese naturwissenschaftliche Erklärung meiner Haltung hätte meinem seligen Vater 
eingeleuchtet.

Und auch meinem Sohn werde ich das alles irgendwann mal erzählen.

Einstweilen muss er sich morgen in der Kirche die Auferstehungsgeschichte anhören.





Mittwoch, 1. April 2015

This fire is still smoking (Bob Dylan)

dein Lachen wie vor 25 Jahren,
als wir Schüler waren.

Glockenhell und manchmal für einen kurzen Moment überraschend
dunkel.

Wir redeten, bis mein Handy-Akku leer war,
an diesem hellen, windigen Tag, 
an dem die Sonne
immer wieder zwischen rasch ziehenden Wolkenbänken
kurz auf die über den gepflasterten Rudolfplatz eilenden Passanten 
brannte,
ohne, dass diese der Verheißung des Sommers gewahr wurden,
so sehr hatten die kalten, regnerischen Winde der letzten Tage
allen
zugesetzt.

Als einziger saß ich draußen vor dem Eiscafé und redete
mit dir in unverschämter
Vertrautheit.

Zum ersten Mal seit ca. 22 Jahren.

Mitten im Gespräch sagte ich "Einen doppelten Espresso, bitte!" 
zu dem Kellner und du meintest: 
"Den kann ich dir aber jetzt nicht bringen!"
und hast gelacht.

Früher war ich sprachlos in deiner Nähe.
Du warst in einer anderen Welt. 
Die Schönste, Schlauste, Hoffnungsvollste.
Dennoch hätte ich eine Chance bei dir gehabt, obwohl du einen Freund hattest. 

Jetzt hast du die gleichen Fragen wie ich.
Hast du zwei Jungs, wie ich.
Die Wohnung in der Großstadt, wie ich.
Und einen Mann.
...




Dienstag, 31. März 2015

Zukunft

draußen wütet Orkan
"Niklas"
drinnen wüten
wir.

Schreien uns an, machen uns ausführlich berechtigte und 
unberechtigte Vorwürfe.

Du hast kein Verständnis für die Kinder!
Du bist nie da!
Du hast mehr Zeit für dich als ich Zeit für 
mich
habe!
usw.!
usf.!

Wer Kinder hat kennt das.

Dann gehst du zu Bett.
Kannst wunderbar schlafen,
wie immer.

Ich sitze noch im Wohnzimmer auf der durchgesessenen 
Couch.
Schließe die Augen und 
lausche dem brausenden, heulenden Sturm draußen.

All das wird von ganz allein besser werden.

In ca. 10 Jahren.





Montag, 30. März 2015

Freiwillig

Wir werden umgebaut
werden
zu Menschen 2.0.
Nanoroboter in unseren Hirnen und Körpern.

Wir verschmelzen mit den anderen und werden beinahe unsterblich.

Behauptet der Chefingenieur von google.

Und er muss es wissen,
da er in seinem Buch schreibt, dass
er bereits
mehrere Nobelpreisträger versammelt hat,
die daran arbeiten,
unter seiner Aufsicht und Anleitung.

Etat: angeblich eine Milliarde Dollar.
Jährlich.

Was ist, wenn man das alles gar nicht will?

Da sollten wir uns keine Sorgen machen, sagt Chefingenieur
Dr. Kurzweil,
erstens ist es zu unserem Besten und
zweitens 
ist es ja 

freiwillig.

Wie die Nutzung des
Internets
und des 
Handys.






Samstag, 28. März 2015

Winter 2010

Seit vielen Jahren draußen mal wieder
Schnee, Eis, Tauen, erneutes Überfrieren.
Hier im Zug auf der nächtlichen Fahrt in die
Hunsrück-Heimat
Verspätung,
aber Wärme.
Mutter verkauft das Haus.
Sie wird nicht viel dafür bekommen.
Und wir Brüder noch weniger,
Vaters Lebenswerk 
verramscht
für ein Leben unter der Sonne auf einer zersiedelten Kanaren-Insel.
Tausende Kilometer entfernt von ihren Enkeln will sie ihr groteskes Übergewicht bekämpfen und glücklich werden.

Ich traue ihr zu, dass es klappt.





Kain oder Abel

Morgens im Kindergarten.

In der Turnhalle schleifte die Kinderschar eine große Luftmatratze an und versuchte,
darunter meinen achtjährigen Sohn zu begraben.
Mein kleiner, dreijähriger Sohn schrie in Panik und Sorge: 
"Mein Bruder!"

Der Große hörte den Kleinen nicht.
Und besiegte die Meute.

Nachmittags dann mit den Kindern gespielt.

Lego Duplo Steine aufeinander gesetzt.
Ein Zoo sollte es werden.

Erst nur mit dem Kleinen,
dann kam der Große dazu.

Er kann es nicht ertragen, wenn ich etwas mit dem Kleinen mache und 
mit ihm nicht.

Bald bestimmte der Große, was gebaut wird.

Ein Tunnel, massiv, 2 stöckig.

Es funktionierte.

Die elektrische Brio-Lokomotive holperte über die Plastiknoppen durch den Tunnel.

Der Kleine wollte alles zerstören.

Der Große würgte ihn.

Der Kleine trat ihn und würgte auch.

Ich schritt ein.

Wie immer
rechtzeitig.






Freitag, 27. März 2015

Lügen

Ich war auf dem Sprung.

Wollte vor Anbruch der 
Dunkelheit
im Büro sein.
Ich musste noch ein Exposé fertig schreiben, 
aus dem ohnehin 
nichts werden würde.

Das Telefon im Flur klingelte, mein achtjähriger Sohn ging ran,
lauschte kurz, gab es dann mit verwirrtem Gesichtsausdruck an mich weiter.

Es war eine Umfrage.
Ob ich informiert sei über die Möglichkeiten, mit der man 
Lohnsteuer sparen und
gleichzeitig in seine Rente investiere könne.

"Ich spare bereits für meine Rente" sagte ich. Außerdem müsse ich los, mein Kind abholen
und legte auf.

Mein Sohn schaute mich fassungslos an.

"Warum hast du den Mann angelogen Papa?"

Auch meine Frau schaute mich an. 
Neugierig, wie ich mich da wohl rauswinde:
"Ja, warum?"

"Ich hätte die Wahrheit sagen können", erklärte ich, "aber das hätte zu lang gedauert
und außerdem hätte es stimmen können, dass ich los muss, dich abholen.
... Mann! Der wollte mir nur was verkaufen!"

Mein Sohn nickte.

Mein Frau war ebenfalls nicht ganz zufrieden mit der Erklärung.

Ich fühlte mich mies.

Nicht weil ich ein schlechtes Vorbild bin.

Sondern weil ich nicht vorgesorgt habe, für das
rasch nahende 
Alter.







Donnerstag, 26. März 2015

Blackbox

Ruhig atmen
habe man ihn gehört.

Dann Klopfen an die Kabinentür.

Hinten 149 Menschen.

149 
Leben.

Viele junge Menschen.

Junge Leben.

Babies.

Schüler.

10. Klasse.
Sie waren in Barcelona.
Heimlich kiffen, heimlich küssen, heimlich klauen
oder einfach nur
mit dem Lehrer durch diese Kirche gehen und staunen.

Und alle anderen.

Versunken in die Alltäglichkeit ihrer
Leben und Träume und Gedanken.

"Nicht mehr lang und wir landen."
"Holt Papa mich ab oder Mama?"
"Wahrscheinlich regnet´s."

Das gleichmäßige Dröhnen im Innern der Maschine
hüllt sie ein und einigt ihre Existenz für einen Moment:
friedliches Erwarten.

Er atmet tief ein.


"Terrain, Terrain, Pull Up, Pull Up!" 

"Master Caution Warning!"   

 "Master Warning!"  


Jetzt.